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24. Juni 2020

Makro-Mittwochkommentar
Feste Märkte in turbulenten Zeiten

Die Finanzmärkte sind sich in diesen Tagen einig: Es läuft! Der April hat den Tiefpunkt der wirtschaftlichen Aktivität in der Corona-Krise mit teilweise unfassbar schlechten Konjunkturdaten markiert. Ab Mai kam es besser, und allein das zählt. So wurde gestern ein unerwartet deutlicher Anstieg des Gesamteinkaufsmanagerindex für den Euroraum beim vorläufigen Wert für Juni mit 47,5 Punkten (+16,8 Punkte) gemeldet. Der Index bleibt damit zwar unter der Expansionsschwelle von 50 Punkten, doch dieser Sprung nach oben macht Hoffnung auf mehr. Die Aufhellung steht auf einem breiten Fundament. Beide Teilindizes – Industrie und Dienstleister – konnten sich spürbar verbessern.

So weit, so gut! Es passiert das, was passieren soll: Auch diese historische Rezession findet ein Ende. Die massiven Impulse seitens der Geld- und Finanzpolitik wirken und dominieren die Finanzmärkte. Und zwar sowohl psychisch (Zuversicht in die Konjunkturerholung) als auch physisch (Anleihekäufe der Zentralbanken stützen die Kurse und halten die Renditen extrem niedrig). In dieses Bild passte, dass gestern US-Präsident Trump von seiner Unterstützung für ein weiteres Konjunkturpaket für Konsumenten wissen ließ. So verharren weiterhin viele Marktteilnehmer auf dem Seitenstreifen und warten nur auf Einstiegsgelegenheiten. Die Diskussion hält an, dass die schon hohen Bewertungsniveaus bei den Unternehmenswerten zweitrangig sind, solange die Zentralbanken dauerhaft die Renditen niedrig halten und die Zentralbankbilanzsummen weiter stark steigen. Dies führt zu weiteren Kapitalzuflüssen in die Risikomärkte, aber auch in Anlagen wie Gold.

Doch ist jetzt alles gut? Nein. Wir können nicht in den Gleichmut der Märkte einschwenken. Dafür ist es aus unserer Sicht zu früh. Es stehen noch einige Tests für die Marktstimmung an. Dazu gehören die schwierigen Brexit-Verhandlungen, der noch ausstehende Kompromiss für den EU-Wiederaufbaufonds und nicht zuletzt die US-Präsidentschaftswahlen. US-Präsident Trumps Wiederwahlchancen stehen aktuell schlecht, sodass von seiner Seite mit diversen Attacken auf politische Gegner und Handelspartner zu rechnen ist. Auch das Coronavirus spielt nach wie vor eine Rolle. Global betrachtet werden zurzeit die bislang höchsten Neuinfektionszahlen verzeichnet. Vor allem in den Schwellenländern sind die Belastungen enorm. Doch auch in den USA gab es zuletzt mit fast 33.000 Fällen den stärksten Anstieg von Neuinfektionen seit zwei Monaten. Damit schwelen die Sorgen um eine zweite Welle von Corona-Infektionen und neuerliche Lockdown-Maßnahmen.

Dies alles bestärkt uns in der Annahme, dass das Hochfahren der wirtschaftlichen Aktivität zwar gelingt, es sich aber zeitlich ziehen wird und beispielsweise einige europäische Länder kaum vor 2022 ihr Produktionsniveau von vor der Rezession erreichen werden. Die Nachrichtenlage bleibt insofern durchaus schwierig, sodass wir über den Sommer mit einer zwischenzeitlichen nennenswerten Konsolidierung an den Aktienmärkten rechnen, bevor sich dann eine nachhaltige Aufwärtsbewegung an den Börsen einstellt. In der Erwartung, dass sich die Impulse von Geld- und Finanzpolitik durchsetzen sowie es nur zu zeitlich und regional begrenzten Lockdown-Maßnahmen kommt, sehen wir einer neuen Normalität entgegen und beenden hiermit den Makro-Mittwochkommentar zur Corona-Krise.

 

Stand: 24.06.2020