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28. Mai 2020

Makro-Morgenkommentar
Aktienmärkte: Getriebene und/oder Genügsame?

Er läuft und läuft und läuft! Nein, nicht der Käfer, sondern der DAX. Der Deutsche Aktienindex wie auch die globalen Börsen kennen derzeit scheinbar nur eine Richtung: nach oben! Man reibt sich die Augen ob der stabilen Aufwärtsentwicklung. Gibt es wirklich keine Risiken mehr? Ist das die nachhaltige und zweifelsfreie Börsenerholung nach den Corona-bedingten Panikattacken im Februar bzw. März? Auch wenn wir bei der Antwort zu einem „Nein“ tendieren, bleiben zwei Argumentationsstränge zur Erklärung der freundlichen Aktienmarktentwicklung: Getriebenheit und/oder Genügsamkeit.

Getriebene sind die Aktienmärkte in dem Sinne, dass sie sich nicht gegen die immensen Unterstützungsmaßnahmen von Geld- und Finanzpolitik stemmen. Es gilt als ausgemachte Sache, dass die Europäische Zentralbank bei ihrer nächsten Sitzung am 4. Juni das Corona-Krisen-Anleihekaufprogramm (PEPP) erhöhen und zeitlich verlängern wird. Dies hält die Renditen von Staatsanleihen niedrig, lässt Zinsaufschläge bei Unternehmensanleihen sinken und strahlt indirekt auch spürbar auf die Aktienmärkte aus. Die südkoreanische Zentralbank hat heute früh erwartungsgemäß den Leitzins um 25 Basispunkte auf 0,50 % gesenkt. Da, wo möglich, werden Zinsen weiter gesenkt. Die monetäre Unterstützung ist offenkundig auf Dauer gewährleistet.

Gleiches darf aus Marktsicht von der Finanzpolitik als Treiber für die Börsen unterstellt werden. Die Vorschläge eines 750 Mrd. Euro-Wiederaufbaufonds in der Europäischen Union, die Verabschiedung eines 1.100 Mrd. US-Dollar-Konjunkturprogramms in Japan sowie Hinweise des Mehrheitsführers im US-Senat auf ein neues Hilfspaket im Juni lassen Investoren kaum eine andere Wahl, als hinter steigenden Aktienkursen herzuspringen.

 

Genügsame sind die Aktienmärkte in dem Sinne, dass die Kurse steigen, obwohl die Konjunkturindikatoren und die Nachrichten aus den Unternehmen ziemlich euphoriebefreit daherkommen. Wenn sich Befragungsindikatoren nach Rekordtiefs im April nun im Mai verbessern, dann ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber der Weg zu alten Höhen ist noch lang. Das gilt für das ifo Geschäftsklima, das Verbrauchervertrauen wie auch die Einkaufsmanagerindizes. Die Lockerungsmaßnahmen werden fortgesetzt, denn in den Industrieländern entspannen sich die Neuinfektionszahlen mit dem Coronavirus. Dennoch sind die Restriktionen beim Hochfahren der wirtschaftlichen Aktivität beträchtlich, gemessen beispielsweise an den Restriktionsindikatoren der Universität Oxford. Auffallend ist, dass in den USA weiterhin nur wenig gelockert wird. Ergänzend darf nicht vergessen werden, dass der konjunkturelle Einbruch im zweiten Quartal, vor allem in den Monaten April und Mai, historisch tief und beunruhigend ist. Gestern teilte das französische Statistikamt Insee mit, das sich in Frankreich für das laufende zweite Quartal ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von unfassbaren 20 % im Vergleich zum Vorquartal abzeichne.

 

Auch die Berichtssaison der Unternehmen war für das erste Quartal durchaus schwer verdauliche Kost. Nun rücken die Erwartungen für das zweite Quartal stärker in den Fokus: Für den S&P 500 wird aktuell ein Rückgang der Gewinne um 43 % erwartet, die Umsätze werden fast 12 % tiefer prognostiziert. Die Erwartungen für den STOXX 600 sind mit einem Gewinneinbruch um 65 % und 23 % weniger Umsatz erneut deutlich trister. Da müssen die Aktienmärkte schon hinreichend genügsam sein, um bei der Veröffentlichung der Daten im Sommer nicht noch einmal durchzuatmen, sprich zu korrigieren.

 


Stand: 28.05.2020